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Problemchen ultraorthdoxe Juden in der Schweiz

Beitrag noch in Bearbeitung 27.9.2026

Ein Faktencheck zu ultraorthodoxen Juden. Was es zu wissen gibt, bevor man vorschnell eine antisemitische Haltung einnimmt.

Die ultraorthodoxe Gemeinschaft funktioniert wie ein „Privatclub“: Members only, nach aussen uneinsehbar, im Inneren ganz unter sich.

Ultraorthodoxe Juden (Charedim) sind streng gläubige Juden, die Gott dienen und ihr Leben nach der Tora (für Christen Teil des Alten Testaments) und der Halacha (jüdisches Religionsgesetz) richten.

Was positiv auffällt:

  • Keine Missionierung: Es wird niemals missioniert oder versucht, jemanden zum Judentum zu bekehren.
  • Unpolitisch: Sie sind unpolitisch und wollen im Grunde nur in Ruhe gelassen werden.
  • Ablehnung des Zionismus: Grosse Teile der Gemeinschaft lehnen einen israelischen Staat aus religiösen Gründen ab.
  • Gewaltlosigkeit: Sie sind nicht gewalttätig.
  • Pazifismus: Sie haben eine grundsätzlich pazifistische Haltung.

Was fällt auf bei ultraorthodoxen Juden:

  • Keine modernen Fortschritte: Die Tora und Halacha (Religionsgesetze) gelten als göttlich, zeitlos und unveränderlich. Moderne Anpassungen werden weitgehend abgelehnt.
  • Das Wort des Rabbiners ist sozusagen Gesetz: Bei allen Lebensfragen hat das Wort des Gemeinde-Rabbiners höchste Autorität.
  • 613 Mizwot im Alltag: Jedes Detail des Tagesablaufs wird von den biblischen Geboten und Verboten bestimmt.
  • Lebenslanges Studium: Für Männer ist das Studium der religiösen Texte (Tora und Talmud) Hauptbestandteil des Tages.
  • Isolierte Gemeinschaften: Das Leben spielt sich fast ausschliesslich innerhalb der eigenen Infrastruktur (Synagoge, Schule, koschere Läden) ab, um spirituelle Kontamination zu vermeiden.
  • Zensiertes Informations-Ökosystem: Fernsehen, Internet und weltliche Medien sind verboten oder durch Apps zensiert. Genutzt werden koschere Smartphones.
  • Ablehnung akademischer Bildung: Universitäten und weltliche Hochschulen werden weitgehend abgelehnt.
  • Strikte Sprachdisziplin: Keine Informationen zur Gemeinschaft an Aussenstehende und ein generelles Verbot negativer Aussagen über Mitmenschen (selbst wenn sie wahr sind).
  • Arbeitsleben: Ein kleiner Anteil der Männer arbeitet zumindest Teilzeit; die meisten widmen sich Vollzeit dem Religionsstudium.
  • Koscheres Essen: Viele Verbote und Speisevorschriften mit eigener Überwachung und Zertifizierung der gesamten Lebensmittelproduktion.
  • Ruhetag Schabbat: Am Schabbat, von Freitagabend bis Samstagabend, ist jegliche Art von Arbeit verboten. Viele weltliche Tätigkeiten und Geräte dürfen in dieser Zeit nicht einmal berührt werden (z. B. Schalter für Licht oder Herd).
  • Geschlechtertrennung: Männer und Frauen leben in Synagogen, Schulen, bei Festen und ausser Haus streng getrennt.
  • Berührungsverbot: Berührungen aller Art, inklusive Händeschütteln mit Personen des anderen Geschlechts ausserhalb des Ehepartners und der engsten Kernfamilie, sind absolut verboten.
  • Arrangierte Ehen: Ehen werden durch professionelle Heiratsvermittler vermittelt. Der Fokus liegt auf familiärer Kompatibilität und religiösem Status, nicht auf romantischer Partnersuche.
  • Hohe Geburtenraten: Kinder gelten als der grösste göttliche Segen. Verhütung ist im Regelfall untersagt.
  • Sexualität: Während der Periode und für sieben Tage danach ist jeglicher körperliche Kontakt zwischen Paaren verboten. Erst nach dem vollständigen Untertauchen der Ehefrau in einem rituellen Tauchbad (Mikwe) ist intimer Kontakt wieder erlaubt.
  • Optische Abgrenzung: Die Kleidung dient als Distanzierung zur modernen Welt und signalisiert die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft.
    • Männer: Tragen dunkle Kleidung, Hüte, Bärte und Schläfenlocken.
    • Frauen: Kleider müssen Knie, Ellbogen und Schlüsselbein bedecken. Verheiratete Frauen tragen Perücken oder Kopfbedeckungen, um ihr Haar zu verdecken.
  • Eigenfinanzierung: Es herrscht ein sehr hoher Grad an interner Eigenfinanzierung innerhalb der Religionsgemeinschaft durch ein extrem stark ausgeprägtes Spendensystem.

Die Zahlen zu ultraorthodoxen Juden:

Für Aussenstehende und Behörden bleibt die Charedim Gemeinschaft eine Blackbox. Die Zahlen basieren auf Schätzungen von Experten aus internationalen und Schweizer Quellen. Auch Schweizer Behörden liefern keine konkreten Zahlen. Die Auflistung dient in erster Linie, Grössenordnungen richtig einzuschätzen und weitverbreitete Fehlannahmen zu korrigieren.

  • Anteil: Ca. 18 % aller Schweizer Juden sind Charedim.
  • Schweiz total: Im Jahr 2020 ca. 3’300 Personen.
  • Geschichte: In Zürich kontinuierlich präsent seit den Jahren um 1900.
  • Geburtenrate: 6–7 Kinder pro Frau.
  • Nationalität: Über 80 % besitzen einen Schweizer Pass.
  • Zürich: Ca. 85 % leben in Zürich. Der Schwerpunkt liegt im Kreis 3 (Wiedikon), mit Ausweitungen nach Enge, Aussersihl und Albisrieden.
  • Restliche Schweiz: Ca. 15 % leben im Rest der Schweiz, hauptsächlich in Basel, Lugano und Kriens.
  • Ausbildung: Fast 100 % der charedischen jungen Männer gehen für religiöse Studien ins Ausland (Israel, England, USA).
  • Wegzug: Rund 50 % der jungen Erwachsenen wandern nach der Heirat dauerhaft aus der Schweiz aus.
  • Abwanderungsquote: Schätzungsweise 10 % bis 15 % der jungen Erwachsenen entscheiden sich für einen Ausstieg aus dem charedischen Lebensstil.
  • Integrationsbarriere: Die 613 Gebote und Verbote im Alltag erschweren eine tiefe gesellschaftliche Integration.
  • Rollenverteilung: Männer fokussieren sich auf das Vollzeitstudium der Tora. Frauen sorgen primär für die Kinder und den Haushalt.
  • Erwerbsquote: Ca. 50 % der Männer und ca. 80 % der Frauen gehen (zumindest in Teilzeit) einer geregelten Arbeit nach.
  • Sozialhilfe: Es sind keine Zahlen vorhanden. Die Quote liegt vermutlich über dem Schweizer Durchschnitt. Zusatzkosten entstehen durch Grossfamilien, koschere Ernährung, religiöse Kleidung und jüdische Schulen.
  • Sicherheitskosten: 4 bis 5 Millionen Franken staatliche Finanzierung pro Jahr (Tendenz steigend) für den Schutz von Synagogen und Schulen vor Antisemitismus.

Vergleich der 3 ultraorthodoxen Hauptströmungen:

Alle drei Gruppierungen sind in der Schweiz präsent.

▶1. Chassidim
Die Mystiker
2. Litvishe
Die Intellektuellen
3. Chabad
Die Missionare
KernphilosophieEmotional & mystisch: Tiefe Freude am Glauben, gelebt durch Gesang, emotionale Gebete und spirituelle Begeisterung.Rational & intellektuell: Absolute intellektuelle Exzellenz. Fokus auf Logik, textbasierte Analyse und theologische Debatten.Dito Chassidim, aber extrem offen für den Kontakt mit der Aussenwelt. Rückführung ungläubiger Juden zum Glauben.
FührungDynastie-orientiert: Die kollektive Identität hängt vom Erb-Rabbiner ab. Absolute Loyalität zur Linie des spirituellen Führers.Akademisch-orientiert: Statt Familiendynastien bestimmen die Leiter der besten Talmud-Akademien die Identität.Missions-orientiert: Folgen den Lehren von Rabbi Menachem Mendel Schneerson (1902–1994), der die Gruppe nach dem Holocaust zu einem weltweiten Netzwerk ausgebaut hat.
LebensmittelpunktBewahrung des osteuropäischen Erbes des 18. Jahrhunderts. Starke Abschottung zur Vermeidung spiritueller Kontamination.Das stundenlange, tiefgründige und analytische Studium der heiligen Schriften steht im absoluten Mittelpunkt.Globale Mission: Offen für alle Fragen. Zentraler Anlaufpunkt sind die weltweit etablierten Chabad-Häuser.
KleidungLange schwarze Mäntel, an Feiertagen grosse Pelzhüte, markante Schläfenlocken.Dunkle Anzüge, weisse Hemden, schwarze Krawatten und klassische schwarze Hüte.Oft ähnlich wie Litvishe bis westliche Alltagskleidung
SpracheIm privaten Kreis wird fast ausschliesslich Jiddisch gesprochen.Sprechen Schweizerdeutsch oder die jeweilige Landessprache.Sprechen Schweizerdeutsch oder die jeweilige Landessprache.
Rolle der FrauPrimär für Haushalt und Grossfamilie zuständig. Einen Job nur gemeindeintern.Oft ist sie die alleinige Erwerbstätige in der Familie (Bürojobs ohne Kundenkontakt), damit die Männer studieren können.Frauen agieren gleichberechtigt.
Akademische
Bildung
Absolutes Tabu.Für Männer sehr selten (nur im Ausnahmefall für bestimmte Berufe wie Jura/Treuhand), für Frauen zunehmend akzeptiert.Universitäre Bildung wird theologisch nicht verteufelt wenn sie der Mission dient.
Smartphones
Internet
Meist kein Smartphone erlaubt oder nur koschere Handys. Kein Internet, keine Kamera…Handy nur für den Beruf oder stark eingeschränkte Nutzung mit Internetrestriktionen.Keine Einschränkungen.
IsraelStrikter Antizionismus: Der säkulare Staat Israel gilt als Sünde, da ein jüdischer Staat laut Tora nur vom Messias errichtet werden darf.Pragmatische Akzeptanz: Akzeptieren den Staat als De-facto-Zivilbehörde. Lehnen den Zionismus ideologisch ab.Befürworten den Staat Israel und sind politisch sowie gesellschaftlich engagiert.
Wahlen
Israel
Totaler Boykott: Verweigern die Teilnahme an israelischen Wahlen kategorisch.Aktive Teilnahme: Gehen wählen und stellen eigene religiöse Parteien zur Sicherung von Fördergeldern.Aktiv: Nehmen an Wahlen teil und unterstützen eine konservative Haltung in Israel.
Wahlen
Schweiz
Gehen praktisch nie wählen. Keine Partizipation am Schweizer Politsystem.Gehen vereinzelt wählen wenn Thema sie betrifft. Wählen meist konservative Parteien (SVP/FDP) für religiöse Freiheit.Gehen wählen und lobbyieren aktiv bei bürgerlichen Schweizer Politikern für jüdische Anliegen.
Finanzen
Israel
Finanzieller Boykott: Verweigern jegliche staatlichen Gelder oder Sozialhilfe aus Israel. Eigenfinanzierung durch Spenden.Pragmatismus: Sichern staatliche Gelder für Thora-Schulen; verweigern aber meist den Wehrdienst in der Armee (IDF).Nutzen staatliche und private Netzwerke weltweit, um ihre Chabad-Häuser aufzubauen.
Sozialhilfe
Schweiz
Erhöhtes Risiko durch grosse Familien und den Fokus auf religiöse Studien besteht eine höhere Abhängigkeit von Sozialhilfe.Weisen eine höhere Beschäftigungsquote auf (Büro Jobs) und sind wirtschaftlich eigenständiger, nutzen aber teils Sozialhilfe.Sozialhilfe wird im Normalfall nicht beansprucht.
GesundheitswesenVertrauen der Schulmedizin, meiden aber staatliche Strukturen. Sie haben ein eigenes, hoch professionelles Netzwerk von Ambulanzen und Arztpraxen.Nutzen das öffentliche GesundheitssystemNutzen das öffentliche Gesundheitssystem
Umgang mit AndersgläubigenKeine Interaktion; bewusste und strikte Isolation von der nicht-jüdischen Gesellschaft.Distanziert-höflich; der Fokus liegt intern auf der akademischen Gemeinschaft der Gelehrten.Sehr offen: Diskutieren gern auch mit Christen. Lenken theologische Debatten geschickt auf die universellen Noahidischen Gesetze (1) um.
AllgemeinbildungKaum vorhanden.Gering bis pragmatisch.Hochprofessionell.

(1) Zum Abschluss des Themas „Charedim-Juden” folgen die noachidischen Gesetze.

Die noahidischen Gesetze sind ein Set von sieben moralischen Grundregeln aus der Tora, die laut jüdischer Tradition für die gesamte Menschheit verbindlich sind.

Während für gläubige Juden alle 613 Gebote gelten, besagt die Lehre, dass Nichtjuden ein gerechtes Leben führen und Anteil an der kommenden Welt haben, wenn sie diese sieben Gesetze befolgen.

  1. Verbot von Götzendienst: Nur der eine Gott darf anerkannt werden.
  2. Verbot von Gotteslästerung: Der Name Gottes darf nicht verflucht werden.
  3. Verbot von Mord: Schutz des menschlichen Lebens.
  4. Verbot von Ehebruch und Unzucht: Einhaltung moralischer Sexual- und Beziehungsstandards.
  5. Verbot von Diebstahl: Respekt vor dem Eigentum anderer.
  6. Verbot des Verzehrs von Fleisch lebender Tiere: Verbot von Grausamkeit gegenüber Tieren.
  7. Gebot, Gerichte einzusetzen: Aufbau eines gerechten Rechtssystems zur Durchsetzung dieser Regeln.

Da das Judentum keine Missionierung / Bekehrung von Nichtjuden betreibt, nutzt Chabad dieses theologische Konzept im Dialog, um universelle Moral und den Glauben an den einen Gott in der nicht-jüdischen Gesellschaft zu stärken.

Hier weiterlesen: 6:0 Judentum vs. Islam

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